Dankbarkeit
Dankbarkeit – zufrieden im Sein
„Dankbarkeit verwandelt das, was wir haben, in genug.“ — Melodie Beattie
Studien und Weisheitslehren deuten darauf hin, dass Dankbarkeit eng mit dem menschlichen Wohlbefinden, innerem Frieden, Gesundheit und Glück verbunden ist. Doch was genau ist Dankbarkeit? Welche Rolle spielt sie für unser Leben und wie können wir lernen, ein dankbares Leben zu führen?
Was ist Dankbarkeit?
Dankbarkeit ist das bewusste Erkennen und wertschätzende Annehmen dessen, was uns im Leben widerfährt — sei es durch Mitmenschen, das Schicksal, die Natur oder eine höhere Macht. Sie ist sowohl ein Gefühl als auch eine Haltung, die über den Moment hinaus das Leben nachhaltig prägt.
Aber Vorsicht: Falsche Dankbarkeit — etwa das Verharren in ungesunden Beziehungen aus „Dankbarkeit“ — kann Menschen daran hindern, sich abzugrenzen oder notwendige Veränderungen zu wagen. Solche „Dankbarkeit“ kann auch dem anderen Menschen gegenüber unfair sein – selbst wenn dieser sie erwartet oder wünscht.
Psychologen sehen Dankbarkeit als eine wichtige Voraussetzung für ein erfülltes Leben, als Ressource, die Resilienz und psychische Gesundheit stärkt. Dankbare Menschen fokussieren sich stärker auf das Positive. Philosophen sehen in der Dankbarkeit eine Quelle innerer Freiheit. Wer das Schicksal annimmt und sich dankbar zeigt für das, was das Leben bietet, wird unabhängiger von äußeren Umständen. Dankbarkeit bedeutet auch, ein „Genug“ zu finden. Sie schützt vor Gier, Neid und dem ständigen Streben nach „mehr“.
Alle Religionen und spirituellen Traditionen sehen Dankbarkeit als wichtiges Element. Im Christentum etwa kann man sie als Ergebenheit vor Gott sehen, im Buddhismus als Achtsamkeit für das gegenwärtige Leben. Im Alltag zeigt sich Dankbarkeit in kleinen Gesten: ein aufrichtiges „Danke“, ein freundlicher Blick, ein Geschenk oder eine stille innere Freude über eine gute Erfahrung. Studien zeigen, dass dankbare Menschen seltener unter Stress, Depressionen und Angstzuständen leiden. Sie haben stabilere soziale Beziehungen, ein stärkeres Immunsystem und schlafen besser.
Zu oft nehmen wir so vieles als selbstverständlich wahr, als nichts Besonderes, wofür man danken müsste. Sich diese Kleinigkeiten im Alltag wieder als GESCHENK in Erinnerung zu rufen, lässt uns dankbar werden.
Es gibt eine einzige, spirituelle Übung, für die ich mir bewusst und regelmäßig Zeit nehme: Naturbetrachtungen bei meditativen Spaziergängen. Da spüre ich so viel Leben, Weisheit und Perfektion, worin sich das Göttliche offenbart. Aber auch die Geburt unserer Kinder, das Aufwachsen der Enkel oder die Genialität unserer Körperfunktionen – all das zeigt mir, wie wunderbar das Leben ist. Daraus resultiert eine Dankbarkeit, aus der auch ein Vertrauen ins Göttliche erwächst.
Soweit ist das alles vermutlich für die meisten nachvollziehbar. Aber wie ist das mit den Vorkommnissen, die wir als negativ wahrnehmen, die wir als unangenehm empfinden und ablehnen? Ein spiritueller „Meister“ würde vielleicht sagen: „hier beginnt die hohe Kunst der Dankbarkeit“. Mein Verstand kann dem sogar folgen, aber das EGO widerspricht vehement. Die Lebenserfahrung, der Geist wird uns sagen, dass auch das Unerwünschte, das (vordergründige) Unglück zum Leben gehört. Genau hier, im Gerangel von Vernunft, Ego und Geist, liegt die Herausforderung, das Leben als Ganzes anzunehmen, wie es uns beschieden ist, das positiv wie das negativ Empfundene.
Meine Erfahrung zeigt mir: Oft erschließt sich ein Sinn erst im Rückblick – auch wenn es Situationen gibt, in denen das schwer möglich erscheint. Hier kommt wieder das Gottvertrauen ins Spiel, das uns die Gelassenheit gibt, anzunehmen, sogar dankbar anzuerkennen, was wir nicht ändern können – man nennt es auch Hingabe.
Vom Staunen zur Dankbarkeit
Staunen und Wundern sind ursprüngliche, kindliche Fähigkeiten, die oft im hektischen Alltag verloren gehen. Alles scheint selbstverständlich zu sein: fließendes Wasser, Internetverbindung, Gesundheit, Sonnenaufgänge, Begegnungen mit anderen Menschen. Wenn wir die Fähigkeit verlieren, uns über kleine und große Dinge zu wundern, verlernen wir auch, sie als Geschenk wahrzunehmen — und damit schwindet die Dankbarkeit. Staunen öffnet das Herz und bricht Automatismen auf.
„…wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder…“
Jesus sagt im Matthäusevangelium zu seinen Jüngern: „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18,3)
Er spricht hier nicht von Naivität oder kindlicher Unreife — sondern von bestimmten Haltungen und Qualitäten, die Kinder auf eine Weise besitzen, die den Erwachsenen weitgehend verloren gehen:
Staunen und Vertrauen:
Kinder begegnen der Welt mit offenem Staunen. Sie nehmen Dinge nicht als selbstverständlich, sondern können sich über eine Blume, einen Regenbogen oder eine Geschichte von Herzen freuen. Gleichzeitig haben sie ein tiefes, unverstelltes Vertrauen — zu ihren Eltern, zu Menschen, die ihnen Gutes wollen, zum Leben selbst. Genau das meint Jesus: Dieses staunende, vertrauende Herz.
Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit:
Kleinkinder leben im Moment. Sie tragen keine Vergangenheit mit sich herum, grübeln nicht über die Zukunft. In diesem „Sein im Jetzt“ liegt eine spirituelle Qualität, die der Mensch auf dem Weg zu Gott oder einem bewussten, glücklichen Leben wiederentdecken soll.
Demut und Bedürftigkeit:
Ein Kleinkind weiß um seine Abhängigkeit und zeigt sie offen, ohne sich zu verstellen. Es lebt in einem natürlichen Bewusstsein von „Ich bin angewiesen auf das, was mir gegeben wird“. Im theologischen Sinne ist das eine Haltung der Demut und Offenheit für das Göttliche, für Gnade und Geschenk. Das ändert sich meist, wenn das Ego sich entwickelt. Damit beginnt der Kampf, seinen Willen durchzusetzen.
Freiheit von Hochmut:
Kinder kennen keine Überheblichkeit, keinen gesellschaftlichen Standesdünkel. Im Reich Gottes, so Jesus, zählt nicht, wer groß, mächtig oder angesehen ist — sondern wer ein reines, offenes, demütiges Herz hat.
Daraus folgt ganz praktisch:
• Wer wieder staunen kann wie ein Kind, wird dankbar.
• Wer sich in kindlicher Weise dem Leben anvertraut, entdeckt Glück nicht im Haben, sondern im Sein.
• Wer wie ein Kind das Wunder des Augenblicks erkennt, lebt im Einklang mit dem, was Jesus das „Himmelreich“ nennt — nicht erst im Jenseits, sondern schon mitten im Leben.
Dankbarkeit würdigt nicht nur das Vorhandene, sondern stellt auch das, was uns fehlt, in einen größeren Zusammenhang und macht so das Leben in all seinen Facetten als Geschenk erkennbar. Glück zu erfahren halte ich ohne Dankbarkeit nicht für möglich – wie auch.
Die Liebe gehört zum Wesen des Menschen. In der getriebenen Welt hat sie für viele Menschen an Bedeutung verloren. Aber die Liebe ist uns gegeben. Sie ist untrennbar in uns – zu unserem Glück!








Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!