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Stille und Glück

Glück

Das Glück wartet schon…

„Wahre Zufriedenheit entsteht nicht dadurch, dass wir mehr besitzen, sondern dadurch, dass wir weniger brauchen.“ — Laozi

Inhalt

  • Das Glück wartet schon…
    • Die große Verwechslung namens Glück
    • Loslassen – Freiheit statt Kontrolle
    • Ohne Vertrauen geht es nicht.
    • Grenzen überschreiten
    • Der Wert des Scheiterns
    • Glück im Glauben entdecken?
      • Sinn und Orientierung
      • Innerer Frieden und Gelassenheit
      • Gemeinschaft und Beziehung
      • Persönliche Transformation
    • Die Falle der Verfügbarkeit
      • Krankheit als Signal
      • Stille

Ein Baby lebt ganz im Augenblick. Es lacht, weint oder schreit, ohne darüber nachzudenken.

Noch ist da kein innerer Kommentator, keine Sorge um morgen, kein Bild davon, wie die Welt sein sollte. Alles wirkt unmittelbar und offen. Später lernen wir, wie man „funktioniert“. Wir übernehmen Vorstellungen, Erwartungen und Ängste. Vieles davon hilft uns im Leben – manches entfernt uns aber auch von uns selbst.

Lange habe ich das nicht bemerkt. Meinen eigenen Weg musste ich nicht suchen. Das Leben hat ihn mir Nachdruck gewiesen. Anfang vierzig geriet mein Leben aus der Bahn. Eine schwere Depression zwang mich zum Innehalten – etwas, das ich bis dahin kaum kannte. Mein Rezept für Glück war einfach: leisten, durchhalten, erfolgreich sein. Ich arbeitete viel, wollte Anerkennung, Sicherheit und ein gutes Leben für meine Familie schaffen. Mein Alltag bestand aus Planen, Arbeiten und Hoffen auf bessere Zeiten.

Damals hätte ich nicht einmal gesagt, dass ich unglücklich war. Eher das Gegenteil: Ich hielt mein Leben für normal. Ich höre noch heute die Stimme meines lange verstorbenen Vaters: „Das Leben muss keinen Spaß machen – du hast deine Aufgabe zu erfüllen“. Erst später begriff ich, dass ich gar nicht bei mir war – mich selbst nicht spürte. Von unseren vier Kindern bekam ich nur am Rand etwas mit. Ich funktionierte – mehr nicht.

Als Jugendlicher hoffte ich noch, eine „gute Fee“ würde mich glücklich machen. Später glaubte ich, Glück ließe sich erarbeiten: durch Erfolg, Besitz oder Anerkennung. Doch selbst wenn etwas gelang, hielt die Zufriedenheit nie lange an. Irgendwann zerbrach meine Ehe, und kurz darauf auch
das Bild, das ich von meinem Leben hatte. Und mit diesem Bruch wurde der Wandel erst möglich.

Heute schaue ich mit Scham, aber auch mit Staunen auf diese Zeit zurück. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich die erste Hälfte meines Lebens verschlafen. Besonders spüre ich das, wenn ich beobachte, in welch liebevollem und behütetem „Nest“ unsere Enkel aufwachsen. Vielleicht war mein größter Irrtum, dass ich mein Glück immer im Außen suchte. Ich lebte ein Leben „ohne mich“. Mein wahres Wesen war irgendwo unterwegs verlorengegangen. Dass das, wonach ich so lange gesucht hatte, nie außerhalb von mir zu finden war, begriff ich erst viele Jahre später.

Die große Verwechslung namens Glück

Im Alltag verstehen wir unter Glück meist besondere Momente: geliebt werden, lachen, Erfolg haben, staunen. Doch solche Augenblicke vergehen schnell. Je verzweifelter wir versuchen, sie festzuhalten, desto schneller entgleiten sie uns. Oft jagen wir einem großen Glück hinterher und übersehen dabei die stillen Momente, in denen ein Hauch von diesem Glück längst schon auf uns wartet.

Mit der Zeit ahnte ich, dass Glück weniger mit äußeren Umständen zu tun hat. Vielmehr mit unserer inneren Haltung. Nicht als Dauer-Euphorie, sondern eher als eine stille Form von Frieden, von Zufriedenheit. Einverstanden sein mit dem Leben. Mit mir selbst. Mit dem Augenblick. Natürlich gelingt das nicht dauerhaft. Auch mir nicht. Schmerz, Verlust und Zweifel gehören weiterhin zum Leben. Vielleicht sogar notwendigerweise. Ohne Dunkelheit wüssten wir gar nicht, was Licht bedeutet.

Lange glaubte ich, mehr erreichen zu müssen, um endlich anzukommen. Mehr Erfolg, mehr Sicherheit, mehr Kontrolle. Doch genau dieses „immer Mehr“ hielt mich ständig in Bewegung, gefangen im Hamsterrad. Erst als vieles zerbrach, entstand allmählich Raum für etwas anderes: Stille. Ich merkte, wie starr, gar stur und unbeweglich mich mein eigenes Denken werden ließ. Ständig bewerten, vergleichen, planen, grübeln. Und manchmal gab es plötzlich kurze Momente, in denen all das still wurde. Augenblicke, in denen nichts fehlte. Kein inneres Entweder-oder. Kein Kampf. Nur Gegenwart. Beginnt Frieden und Freiheit genau dort?

Beobachte ich die Vögel am Himmel, beneide ich sie beinahe um ihre Selbstverständlichkeit. Sie leben einfach. Sie folgen keinem Lebensplan, sammeln keine Statussymbole und machen sich keine Gedanken darüber, wie sie wirken. Natürlich ist auch ihr Leben nicht idyllisch. Aber sie scheinen tiefer eingebunden in den Rhythmus des Lebens, als wir Menschen es oft sind. Können Tiere deshalb glücklicher sein als wir Menschen?

Vielleicht macht uns nicht unser Besitz unglücklich, sondern die ständige Angst, etwas zu verlieren. Entfernen wir uns von uns selbst, weil wir pausenlos beschäftigt sind – mit Sorgen, Erwartungen, Ablenkungen und dem Versuch, alles unter Kontrolle zu halten und allen zu gefallen? Heute weiß ich: Das Glück, das ich so lange suchte, erreichte ich nie durch Festhalten oder ehrgeiziges Wollen. Es „überkam“ mich als Geschenk – in den seltenen Momenten, in denen ich loslassen konnte.

Loslassen – Freiheit statt Kontrolle

Früher wollte ich alles selbst gestalten, habe meine Ideen mit viel Energie umgesetzt. Ich war ein „Macher“ sozusagen. Ich setzte mir Ziele und verfolgte sie beharrlich. Genau das wird uns ja in Coaching-Seminaren empfohlen: Ziele setzen, Erfolg planen, diszipliniert bleiben und durchbeißen. Also tat ich genau das. Meine ganze Aufmerksamkeit galt dem, was vor mir lag. Heute kommt es mir manchmal so vor, als wäre ich mit Scheuklappen durchs Leben gegangen. Immer auf das nächste Ziel fixiert, immer beschäftigt mit dem, was noch erreicht werden musste. Dabei übersah ich vieles, was längst da war.

Ich wollte Sicherheit. Ein stabiles Leben. Ich wollte festhalten, was ich erreicht hatte. Doch je mehr ich versuchte, alles unter Kontrolle zu bringen, desto weiter entfernte ich mich von mir selbst. Mein Leben wurde voll von äußerem Lärm und innerlich überladen. Da war kein Raum mehr für Stille, für ehrliche Reflexion oder dafür, mich selbst überhaupt noch zu spüren. Und dieses permanente Festhalten erschöpfte mich. Erst die Depression zwang mich zum Innehalten. Rückblickend lag im Zusammenbruch die Rettung, denn erst dadurch war ich bereit für Veränderung. Zum ersten Mal wurde ich weich genug, mein Leben ehrlich zu betrachten.

Binnen weniger Wochen wurde ich zur „Leseratte“, verschlang alle Bücher die mir Rezepte für mehr Glück, Leichtigkeit, Zufriedenheit versprachen und auch, mich von dieser zermürbenden Depression zu befreien. Ich begann nur langsam zu erkennen, wie sehr mich bestimmte Denkweisen gefangen hielten: das ständige Funktionieren, das Kontrollieren, das Gefühl, nie genug zu sein. Und allmählich entstand eine Ahnung davon, dass Loslassen nichts mit Aufgeben zu tun hat. Eher mit Befreiung. Wer Ballast abwirft, äußerlich oder innerlich, gewinnt Leichtigkeit, Raum, Stille. Kann nicht erst dann überhaupt etwas Neues entstehen? Aber wie lässt man los?

Anfangs glaubte ich, das sei einfach eine Entscheidung. So, als könnte man einen Schalter umlegen. Schließlich hatte ich ja mit der Zeit viele Lebensratgeber gelesen und dachte, die angelesenen Weisheiten kapiert zu haben. In Wirklichkeit war es eher ein langsamer Prozess. Ein Üben. Manchmal auch ein Scheitern. Loslassen bedeutet für mich heute nicht, keine Wünsche oder Gefühle mehr zu haben. Es bedeutet eher, nicht mehr krampfhaft an allem festzuhalten – nicht an Vorstellungen, nicht am Recht-haben-Wollen, nicht an Verletzungen oder Ängsten.

Wir tun normalerweise nichts, wovon wir uns keine (auch nur scheinbaren) Vorteile versprechen. Also ist die erste Frage: „Was habe ich davon oder auch nicht“? Wenn ich ehrlich hinschaue, entdecke ich, warum ich festhalte: weil ich mir Sicherheit verspreche, Kontrolle, Anerkennung, Macht – oder wenigstens die Illusion davon. Das zu durchschauen veränderte etwas. Es machte meine eigenen Muster sichtbarer und nahm ihnen einen Teil ihrer Macht.

In stillen Momenten – manchmal in der Meditation, manchmal einfach in einem Augenblick wirklicher Ruhe – werden viele Dinge plötzlich kleiner. Das eigene Ego verliert die Herrschaft. Konflikte, Kränkungen oder Kontrollbedürfnisse erscheinen dann nicht mehr ganz so wichtig.

Ohne Vertrauen geht es nicht.

Loslassen braucht das Vertrauen ins Leben, in andere Menschen, vielleicht sogar in etwas Größeres, das wir nicht kontrollieren können. Dieses Vertrauen entzieht der Angst, dem Ego die Macht. Denn hinter unserem Bedürfnis nach Kontrolle steckt oft die Angst vor Unsicherheit, Veränderung oder Verlust. Ich merke das bis heute. Wir wollen unser Leben absichern, Risiken vermeiden und Schmerz möglichst ausschließen. Aber das Leben lässt sich nicht vollständig kontrollieren. Und ich denke, genau darin liegt
seine Lebendigkeit. Auch Macht kann zu einer Form des Festhaltens werden. Natürlich brauchen wir Verantwortung und Gestaltungskraft. Aber Menschen, die alles kontrollieren wollen – sich selbst und andere –, verlieren oft die Fähigkeit zu wirklicher Begegnung. Erst dort, wo wir anderen auf Augenhöhe begegnen, entsteht Nähe. Ähnlich ist es mit unseren Emotionen. Wie oft halten wir an Wut, Enttäuschung oder Angst fest, als müssten wir sie konservieren? Dabei wollen Gefühle eigentlich durchlebt werden. Nicht verdrängt, aber auch nicht festgehalten.

Besonders schwer fiel mir das Loslassen von Wünschen. Lange dachte ich, das Erreichen des nächsten Zieles würde endlich Ruhe bringen. Mehr Erfolg, mehr Sicherheit, mehr Besitz. Doch kaum war ein Ziel erreicht, warteten schon die nächsten. Während meiner beruflich erfolgreichsten Zeit arbeitete ich oft wie in einem Rausch. Erfolg wurde zum Antrieb, noch mehr erreichen zu wollen. Heute frage ich mich, wonach ich damals überhaupt suchte.

Als Kind hörte ich meinen Großeltern gern zu, wenn sie von früher erzählten. Vieles daran war entbehrungsreich, besonders während der Kriegs- und Nachkriegszeit, wo es nur ums Überleben ging. Trotzdem erinnere ich mich daran, wie sie immer wieder voll Freude von Zusammenhalt, Freundschaften und gegenseitiger Hilfe sprachen. Nicht Besitz machte sie glücklich, sondern das Gefühl, füreinander da zu sein. Liegt darin nicht etwas Wesentliches? Wenn vieles wegfällt, spüre ich am deutlichsten, was wirklich zählt: kein ständiger Konsum, keine Ablenkung, kein Bildschirm, kein Lärm. In solchen Momenten entsteht eine betörende Einfachheit, in der ich klarer sehen kann. Und bisweilen frage ich mich, ob wir uns nicht auch deshalb so pausenlos beschäftigen, weil wir die Stille so schwer ertragen. Vielleicht konsumieren wir nicht nur aus Genuss, sondern auch, um uns selbst nicht begegnen zu müssen, den Schmerz nicht zu spüren?

Grenzen überschreiten

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ – Albert Einstein

Als Kind galt ich als aufsässig, ungehorsam und schwer erziehbar. Wenn mir etwas nicht einleuchtete, widersetzte ich mich. Kritische Fragen waren weder zuhause noch in der Schule besonders erwünscht. Das machte mich früh misstrauisch gegenüber Autoritäten.

Natürlich war ich kein Engel. Eher ein fantasievoller Lausbub mit großem Drang, die Welt zu erkunden – nur eben nicht immer innerhalb der vorgegebenen Grenzen. Ich wollte verstehen, warum etwas richtig oder falsch sein sollte. Und wenn ich keinen Sinn darin erkennen konnte, machte ich oft nicht mit. Das brachte mir regelmäßig Ärger ein. Vor allem Gewalt und Druck bewirkten bei mir keine Einsicht. Im Gegenteil: Sie verstärkten meinen Widerstand und mein Misstrauen in einem Maß, das mir später noch große Schwierigkeiten bescheren sollte.

Heute glaube ich, dass in meinem Verhalten nicht nur Trotz lag, sondern auch etwas Gesundes. Denn: Beginnt Entwicklung nicht dort, wo wir anfangen zu hinterfragen? Dort wo wir nicht mehr alles einfach übernehmen, nur weil es schon immer so war oder andere uns etwas als verbindlich vorschrieben? Natürlich brauchen Kinder Orientierung, Regeln und Halt. Auch später geben uns Grenzen Struktur und schützen uns manchmal vor Überforderung. Aber wenn Regeln wichtiger werden als das lebendige Gefühl für Wahrheit oder Menschlichkeit, beginnt etwas in uns zu erstarren.

Viele Grenzen entstehen aus Angst, Gewohnheit oder Macht. Manche sind sinnvoll. Andere werden nie hinterfragt, obwohl sie längst leer geworden sind. Aber beginnt inneres Wachstum nicht dort, wo wir den Mut finden, vertrautes Terrain zu verlassen? Ein Erlebnis aus meiner Kindheit ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben:

Ein afrikanischer Bischof verbrachte jedes Jahr seinen Urlaub bei einem Onkel von mir. Wenn er kam, wurde die ganze Verwandtschaft eingeladen. Es war selbstverständlich, ihm den Ring zu küssen. Die Erwachsenen machten es vor, dann waren die Kinder an der Reihe. Ich war sechs oder sieben Jahre alt, und mir widerstrebte diese Geste zutiefst. Warum, konnte ich damals nicht
erklären. Als ich vor dem Bischof stand, gab ich ihm höflich die Hand und machte einen besonders tiefen Diener. Ich hoffte, das würde genügen – tat es aber nicht.

Meine Eltern und Großeltern drängten mich, den Ring zu küssen. Alle schauten mich an. Ich spürte den Druck. Aber ich konnte es einfach nicht. Noch heute kann ich nicht genau sagen, warum. War es nur kindlicher Trotz? Oder eher ein frühes Gefühl dafür, dass sich etwas nicht stimmig anfühlte. Damals schämte ich mich sehr. Selbst die jüngeren Cousins gehorchten – nur ich wieder nicht. Ich war der Schwierige. Der Unangepasste. Und natürlich schämten sich auch meine Eltern für ihren widerspenstigen Sohn.

Trotzdem blieb etwas in mir, das sich innerlich nicht beugen wollte. Heute glaube ich, dass Ungehorsam nicht einfach bedeutet, gegen alles zu sein. Es geht nicht um Rebellion um der Rebellion willen. Manchmal geht es eher darum, der eigenen inneren Wahrnehmung treu zu bleiben – selbst dann, wenn man dafür aneckt. Ich sehe das als „gehorsamen Ungehorsam“. Gehorsam zur Seele bedingt nun mal oft auch Ungehorsam gegenüber Autoritäten. Das war noch nie angenehm, bis heute nicht. Denn natürlich möchte auch ich dazugehören. Anerkannt werden. Nicht auffallen. Und doch habe ich mich oft wie ein Grenzgänger gefühlt –
jemand, der Dinge infrage stellt, die für andere selbstverständlich sind.

Vielleicht braucht eine Gesellschaft auch Menschen, die anders denken und das Risiko auf sich nehmen, neue Wege zu gehen. Nicht weil sie von vorn herein besser wären, sondern weil ich Entwicklung und Fortschritt ohne Bewegung, Experiment und Grenzüberschreitung kaum für möglich halte. Wer Neuland betritt, riskiert allerdings auch Irrtümer, Ablehnung und Scheitern. Und ich bin oft gescheitert.

Der Wert des Scheiterns

Früher empfand ich es vor allem als Niederlage. Heute sehe ich manches anders. Gerade das Scheitern hat mich gezwungen, innezuhalten und ehrlicher auf mich selbst zu schauen. Es zeigte mir, wie wenig kontrollierbar das Leben ist. Manche meiner größten Irrwege haben mich letztlich näher zu mir selbst geführt als die Zeiten, in denen scheinbar alles funktionierte. Vielleicht gehört das Scheitern deshalb genauso zum Leben wie das Gelingen. Wer nie wagt, Grenzen zu überschreiten, wird auch selten scheitern – aber womöglich auch nicht wachsen?

Scheitern verlangt Demut. Denn irgendwann erkennt man, dass man nicht alles weiß, nicht alles planen und nicht alles richtig machen kann. Beginnt Reife nicht genau dort? Anderssein auszuhalten bleibt trotzdem schwierig. Wer von Gewohntem abweicht, wird nicht immer verstanden. Manche halten Grenzgänger für unbequem, irrational oder naiv. Doch oft entstehen Veränderungen durch Menschen, die bereit sind, Fragen zu stellen, wo andere sich längst angepasst haben. Grenzen zu überschreiten bedeutet deshalb nicht nur, sich gegen etwas zu stellen. Es bedeutet auch, sich selbst immer wieder neu zu begegnen. Denn jenseits des Vertrauten wartet nicht nur Unsicherheit, sondern auch Freiheit und Fortschritt.

Glück im Glauben entdecken?

Wenn trotz äußerer Erfolge eine innere Leere zurückbleibt, zeigt uns das, dass es noch etwas größeres, wichtigeres gibt, um Seelenruhe zu finden. Glaube und Spiritualität können einen tieferen Zugang eröffnen: Sie bieten eine Orientierung, die nicht auf Vergängliches, sondern auf Dauerhaftes ausgerichtet ist, und sie führen zu einem inneren Frieden – als Fundament echten Glücks.

Sinn und Orientierung

Der Mensch lebt nicht allein von äußeren Dingen, sondern braucht einen Sinn, der sein Leben trägt. Spiritualität schenkt uns diesen Sinn, indem sie den Blick über das rein Weltliche hinaushebt. Wer an eine höhere Ordnung glaubt, erlebt das eigene Leben als Teil eines größeren Ganzen. Dieses Gefühl der Geborgenheit verleiht Kraft und Sicherheit – auch in schwierigen Zeiten. Die Gewissheit, dass hinter allem ein Sinn liegt, auch wenn er sich uns nicht sofort erschließt, trägt durch Krisen und schenkt Mut.

Innerer Frieden und Gelassenheit

Im Glauben finden viele Menschen eine Ruhe, die äußeren Umständen trotzt. Rituale wie Gebet, Meditation oder stille Einkehr helfen, Abstand von Sorgen zu gewinnen. Spiritualität lehrt, das Leben nicht kontrollieren zu wollen, sondern Vertrauen zu üben: Vertrauen in Gott, das Leben oder die eigene innere Kraft. Diese Haltung führt zu Gelassenheit – ohne sie ist Glück für mich kaum denkbar.

Gemeinschaft und Beziehung

Glaube verbindet. Spirituelle Gemeinschaften bieten Halt und Zusammengehörigkeit. Dort erfahren Menschen Wertschätzung, Trost und Freude. Doch auch jenseits organisierter Religion stärkt Spiritualität die Beziehung zu anderen, weil sie Empathie und Mitgefühl fördert. Wer aus dem Glauben heraus handelt, erkennt im Mitmenschen einen „Nächsten“, dem Würde und Respekt gebührt. Solche Begegnungen schaffen Glücksmomente, die weit über das eigene Ego hinausgehen.

Persönliche Transformation

Echter Glaube bleibt nicht an Dogmen oder Traditionen haften. Er ist immer im Wandel und führt zu innerer Entwicklung. Spiritualität lädt dazu ein, sich selbst zu hinterfragen, alte Muster loszulassen und seine Haltung zum Leben immer wieder zu überprüfen.
Glaube und Spiritualität eröffnen uns einen Raum, in dem wir unser Leben in einem tieferen Sinnzusammenhang erfahren, Vertrauen üben, Gemeinschaft erleben und Dankbarkeit kultivieren. In dieser Verbindung von Sinn, Frieden, Hoffnung und Liebe liegt die Quelle eines Glücks, das nicht vergeht – ein Glück, das von innen kommt und unser Leben bereichert.

Die Falle der Verfügbarkeit

Unsere moderne Gesellschaft will scheinbar alles: Gesundheit, Sicherheit, Verfügbarkeit. Doch gerade dieser Versuch, das Unverfügbare verfügbar zu machen, hat seinen Preis. Was einst als gegeben galt – Krankheit, Altern, Tod – versuchen wir heute zu kontrollieren. Doch Kontrolle bedeutet nicht automatisch Freiheit. Im Gegenteil: Je mehr wir absichern, desto mehr verliert das Leben an Tiefe, an Echtheit und Spontaneität.
Wir träumen von Abenteuer und sehnen uns nach Ursprünglichkeit, wir abonnieren Landidyll-Zeitschriften – während gleichzeitig Dörfer veröden und die Städte überquellen. Wir jagen Idealen hinterher, statt mit uns und dem Leben Frieden zu schließen. Die Sehnsucht bleibt, aber der Mut zu wirklicher Veränderung fehlt oft. Was ist es also, das uns fehlt? Spüren wir es nicht? Diese Frage können wir mit dem Verstand in der Regel nicht beantworten. Dazu müssen wir erst zur Ruhe kommen, innehalten, unsere Seele erspüren, um eine Lösung finden.

Krankheit als Signal

In unserer Kultur ist Krankheit ein Makel, etwas, das schnell beseitigt werden muss. Dabei könnte sie ein wichtiges Signal sein – Ausdruck eines unausgewogenen Lebensstils, ein Ruf zur Umkehr. Wenn der Körper „Alarm“ruft, ist die schnelle Antwort der Medizin viel zu oft, das Alarmsignal abzustellen. Klar, das geht einfacher und schneller, als ganzheitlich nach Zusammenhängen zu suchen und für die Betroffenen ist es auch die bequemste Lösung, weil sie so weiterleben können wie bisher, nichts ändern müssen – aber ist das eine Lösung?
Medizinische Fortschritte sind segensreich, keine Frage. Aber nicht alles, was machbar ist, ist auch sinnvoll. Der Wunsch, den Tod um jeden Preis hinauszuzögern, kann uns mitunter den Blick dafür verstellen, dass Würde und Loslassen ebenso Teil des Lebensweges sind. Respekt vor dem Leben schließt die Akzeptanz seines Endes ein.
Auch das oft beschworene „Kämpfen gegen eine Krankheit“ dürfen wir in diesem Licht hinterfragen. In vielen Fällen mag das Ankämpfen hilfreich sein, doch manches lässt sich nicht bezwingen, sondern nur annehmen und loslassen – auch das kann heilsam sein.
Und wenn es nicht um echte Krankheiten geht, optimieren viele unablässig – Körper, Gesundheit, Aussehen. Der Markt boomt. Doch je stärker wir gegen uns und den Lauf des Lebens kämpfen, desto größer wird die Entfremdung von uns und dem Leben selbst. In gegenwärtiger Achtsamkeit entkommen wir der EGO-Falle. Dann leben wir nicht im Haben, sondern im Sein. Nicht im Gestern oder Morgen, sondern im Jetzt.
Glück ist also erreichbar – in der Einfachheit, im Loslassen, in der Dankbarkeit, im Hier und Jetzt. Wir müssen es nicht machen, sondern wiederentdecken.

Stille

Innere Freiheit, Loslassen, Spiritualität und Achtsamkeit: All das erfordert die Empfangsbereitschaft unserer Seele. Wenn wir uns ständig von unserer Seele ablenken – sei es durch unentwegte Beschäftigung oder durch unser ständiges Denken – können wir sie nicht spüren. Es bedarf also der Stille in uns, um Raum zu schaffen, für eine ungleich höhere Intelligenz, als wir uns vorzustellen vermögen.

Für manche liegt die Idee nahe, um Glück und Erkenntnis zu beten. Wie viel müsste ich dann für fünfhundert Gramm Glück oder eine mittelgroße Erkenntnis beten? Ich verhehle meine Skepsis nicht: Zum Gebet habe ich eine andere Einstellung als die Amtskirche.

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