Liebe – unsere Kraftquelle

„Liebe und Mitgefühl sind Notwendigkeiten, keine Luxusgüter. Ohne sie kann die Menschheit nicht überleben.“ – Dalai Lama

Kaum ein Begriff ist so reich, so geheimnisvoll und so missverständlich wie die Liebe. Dichter, Philosophen und Theologen haben sie als höchste Kraft des Lebens besungen, und sie ist unerschöpflich. Liebe durchzieht alle Bereiche menschlicher Existenz: Sie ist Sehnsucht und Erfüllung, Hingabe und Herausforderung, Glück und manchmal auch Schmerz. In religiöser wie in weltlicher Perspektive sehe ich die Liebe als Fundament des Menschseins.
Mit Liebe ist Gemeinschaft eng verbunden, also mit Beziehung, und zwar nicht nur zu Menschen. Wir stehen in Beziehung zum gesamten Universum und deshalb geht Liebe und Gemeinschaft weit über menschliche Beziehung hinaus.

Wo ist sie, die Liebe dieser Welt?

Nach christlicher Lehre ist die allumfassende Liebe kein fernes Ideal, sondern tief in unserem Wesen verankert. Sie ist das göttliche Band, das alles Leben trägt. Und doch scheint sie in unserer Zeit kaum noch spürbar. Mit wahrer Liebe wären keine Kriege zu führen, keine Gewalt zu rechtfertigen, kein Hass zu nähren – denn aus ihr entspringen Friede, Mitgefühl und Gemeinschaft. Ein Paradies auf Erden wäre möglich.
Aber wo ist diese Liebe geblieben? Ist sie verloren, verschüttet, überdeckt vom Ego und vom Lärm des Alltags? Warum scheint diese ureigene Kraft des Menschen immer seltener durch? Einige Ursachen lassen sich erkennen – und sie weisen zugleich Wege, wie wir uns der Liebe wieder annähern können.
• Unser Ego beansprucht jenen Platz, an dem eigentlich die Liebe wohnen sollte. Statt Verbundenheit erleben wir Trennung – „ich gegen die anderen“. Aus dieser Identifikation entstehen Angst, Verteidigung, Konkurrenz und Vergleich. Doch all das verdunkelt das Herz und lässt die Liebe verstummen. Denn das Ego trennt, die Liebe verbindet. Das gilt für alle Beziehungen – zu unseren Mitmenschen, zu unserem Tun, zur Natur und zur gesamten Schöpfung.
• Je mehr wir uns über Leistung, Besitz und Status definieren, desto mehr verliert unser Herz den Kontakt zum Wesentlichen. „Was bringt mir das?“ wird zur Leitfrage. Liebe wird dann allenfalls zur Funktion, nicht mehr zum Geschenk, aber dann kann es keine Liebe mehr sein. So versiegt das innere Gefühl von Fülle, während wir nach äußeren Sicherheiten greifen.
• Viele Menschen tragen alte Wunden in sich. Um sich zu schützen, errichten sie unsichtbare Mauern – doch diese Panzer halten nicht nur Schmerz fern, sondern auch die Liebe. Denn lieben heißt auch, sich verletzlich zu zeigen.
• Unsere Welt ist laut und unruhig. Ständige Reize, digitale Zerstreuung und Informationsflut lassen kaum Raum für Stille. Doch nur in der Stille öffnet sich das Herz. Ohne sie verlieren wir den Kontakt zu jener liebenden Präsenz, die in jedem Menschen wohnt.
• Wer die Erde nur als Ressource sieht, verliert die Ehrfurcht vor dem Leben. Damit schwindet auch Mitgefühl, Dankbarkeit und Demut – jene Grundhaltungen, aus denen Liebe wächst. Die Entfremdung von der Schöpfung ist letztlich eine Entfremdung vom Schöpfer – und von der Liebe.
• Gebet, Meditation, gemeinsames Singen und Rituale sind spirituelle Räume, in denen Liebe bewusst erfahrbar wird. Heute jedoch dominieren zunehmend Rationalität und Individualismus – der Mensch glaubt, alles verstehen und kontrollieren zu können. So trocknet das Erfahrungsfeld der Liebe langsam aus.
• Kriege, Ungerechtigkeit, Armut und Ausgrenzung hinterlassen tiefe Wunden in der Seele der Menschheit. Diese kollektiven Schatten trüben unser Vertrauen in das Gute und Göttliche. Erst wenn wir sie erkennen und ans Licht bringen, kann Liebe wieder frei fließen und zu uns durchdringen.

Die Liebe ist nicht verschwunden – sie wurde nur verdrängt, überlagert von Lärm, Angst und Selbstbezogenheit. Doch sie bleibt in uns lebendig, wie eine verborgene Quelle, die nie versiegt. Wir finden sie wieder, wenn wir still werden und das Herz öffnen – im Jetzt, dort, wo Gott wohnt.

Die Liebe – Ursprung und Auftrag

Meist beziehen wir Liebe und Gemeinschaft auf uns Menschen: Eros – die leidenschaftliche, körperliche Liebe, die Anziehungskraft zwischen Menschen. Philia – die Freundschaftsliebe, geprägt von Vertrauen, Nähe und gegenseitiger Wertschätzung. Und Caritas – die selbstlose, göttliche Liebe, die nicht nach Nutzen fragt, sondern um des anderen willen da ist.
Diese Dimensionen sind keine Gegensätze, sondern Ausdrucksformen derselben Kraft. Sie verbinden das Persönliche mit dem Göttlichen. Diese Liebe schließt alle Lebewesen, alle Tiere und Pflanzen und überhaupt die Schöpfung, den gesamten Kosmos ein. Das nenne ich Schöpfungsliebe oder Gottesliebe.

Die spirituelle Dimension

Liebe ist mehr als ein Gefühl – sie ist eine Lebenshaltung. In ihr spiegelt sich das Wesen Gottes, der sich in Beziehung ausdrückt. Wer liebt, tritt ein in diesen göttlichen Kreislauf von Geben und Empfangen. Darum gilt die Liebe als das größte Gebot, größer als Glaube und Hoffnung.
Im Christentum gilt die Liebe als Kernbotschaft des Evangeliums: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,16). Sie wird sichtbar in Jesus, der Menschen mit all ihren Fehlern annimmt, Barmherzigkeit übt und heilt. Spirituell verstandene Liebe geht über Familie und Partnerschaft hinaus. Sie umfasst auch den Fremden, ja sogar den Feind. Diese Weite macht Liebe zu einer Herausforderung – und zugleich zu einer Quelle tiefen Glücks.
Auch bei anderen Religionen hat die Liebe einen hohen Stellenwert: als Mitgefühl im Buddhismus, als Barmherzigkeit im Islam, als Gewaltlosigkeit im Hinduismus. So zeigt sich: Liebe ist eine universale Kraft, die spirituelle Traditionen verbindet.

Liebe als Kraftquelle des Lebens

Liebe schenkt Geborgenheit, Vertrauen und Freude. Sie macht stark, weil sie den Menschen aus der Enge des eigenen Ichs befreit. Wer liebt, lebt nicht nur für sich, sondern findet Sinn im Du, in der Gemeinschaft. Liebe heilt Wunden, öffnet Horizonte, beflügelt uns. Studien der modernen Psychologie bestätigen, dass stabile Beziehungen die Gesundheit fördern, Resilienz stärken und das Leben verlängern. Das gilt für Paarbeziehungen genauso wie für Gruppen im Verein, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Und es gilt sogar besonders für die Gottes- oder Schöpfungsliebe, weil sie allumfassend ist.
Doch Liebe schließt auch die Selbstliebe ein – nicht im Sinne von Egoismus, sondern als Voraussetzung, anderen in Liebe und Offenheit begegnen zu können.
So einleuchtend die Liebe als Kraftquelle auch ist: Sie wird in unserer Gesellschaft seit langem schon durch Egoismus, Machtgehabe, und Gewinnsucht überlagert. Paradoxerweise sind gerade die wirtschaftlich starken Staaten Vorreiter dieser Entwicklung. Das zeigt sich im fortschreitenden Fundamentalismus in der Politik, der Wirtschaft und in weiten Teilen der Bevölkerung. Deshalb ist mir dieser Aspekt besonders wichtig. Wir müssen erkennen, welcher Reichtum in der Liebe liegt, um wie viel einfacher für alle Menschen auf unserem Planeten das Leben in Liebe sein könnte. Das betrifft die Nahrungsverteilung, Ressourcen, Kriege, die Umwelt und überhaupt das menschliche Miteinander wie auch unsere Beziehung zum Kosmos.

Herausforderungen der Liebe

Doch Liebe ist nicht nur romantische Idylle. Sie verlangt Achtsamkeit, Geduld und die Bereitschaft, Verletzlichkeit zuzulassen. Beziehungen können scheitern, weil Erwartungen unerfüllt bleiben oder Egoismus überhandnimmt. In der Gesellschaft wird Liebe zunehmend durch Konsum ersetzt. Die Kultur der schnellen Kontakte, verstärkt durch soziale Medien, fördert Oberflächlichkeit statt Tiefe. Wahre Liebe widersetzt sich solchen Tendenzen: Sie wächst durch Zeit, Hingabe und Verlässlichkeit.
Zur Liebe gehört auch die Fähigkeit, zu vergeben. Wo Menschen miteinander leben, entstehen Fehler, Kränkungen und Verletzungen. Ohne Vergebung erstarrt die Liebe, mit ihr gewinnt sie neue Tiefe. In der Vergebung zeigt sich, dass Liebe immer ein Geschenk bleibt.

Die Quelle der Transformation

Liebe und Leid sind zwei Ströme aus derselben Quelle. Beide führen uns zur Seele, beide öffnen uns für das Geheimnis, das größer ist als wir selbst. In der Liebe geschieht es fast mühelos: Sie hebt uns empor, entfacht ein Licht in uns, das stärker ist als jedes Ich. Wer liebt, vergisst sich. Grenzen lösen sich auf, Härten schmelzen, und plötzlich sind wir fähig zu vergeben, zu verstehen, zu staunen. Liebe macht uns weich und weit – und in dieser Weite berührt uns das Göttliche.
Doch auch das Leid trägt den Keim der Verwandlung. Es kommt als Schatten, als Zusammenbruch, als Stille nach dem Sturm. Ich habe lange gebraucht, um seinen Segen zu erkennen. Erst als ich leer war, kraftlos und ohne Richtung, begann etwas Neues in mir zu atmen. Das Ego, das immer wissen, leisten, festhalten wollte, hatte ebenfalls seine Kraft verloren, hatte keine Stimme mehr.
Und in dieser Sprachlosigkeit öffnete sich ein Raum – still, klar, weit. Dort erkannte ich: Auch das Dunkel ist mein Lehrer. Es macht mich formbar, indem die Seele geschmeidig wird, das Licht wieder eintreten kann. Ich lernte, dass Sein wichtiger ist als Tun, dass Leistung nicht alles ist, dass ich mir selbst genüge, dass ich einfach mal einen Roman lesen oder spazieren gehen kann (das galt im alten Leben als totgeschlagene Zeit).
So wurden meine dunkelsten Jahre zum Tor der Gnade. Denn beides, Liebe wie Leid, sind heilige Kräfte: Sie reißen die Mauern des Ich nieder und führen uns heim – dorthin, wo Wandel geschieht und das Herz uns erinnert, wer wir in Wahrheit sind.

Liebe als Auftrag

Liebe ist nicht nur Privatsache. Sie ist auch gesellschaftliche Kraft. Wo Menschen in Liebe handeln – in Familie, Nachbarschaft, Politik oder Wirtschaft – entstehen Frieden und Gerechtigkeit, Achtsamkeit und Demut gegenüber der Schöpfung. Papst Benedikt XVI. sprach von der „Zivilisation der Liebe“, die über Macht und Gewinn hinausgeht. Liebe bedeutet hier: den anderen als Menschen achten, Strukturen der Solidarität schaffen, Barmherzigkeit vor Leistung setzen und die Natur respektieren.
Liebe ist Ursprung und Ziel des Lebens. Sie erfüllt das Herz, heilt Beziehungen und vermag, ganze Gesellschaften zu tragen. Sie ist Geschenk und Aufgabe zugleich: Geschenk, weil sie uns unverfügbar zufällt; Aufgabe, weil sie Pflege, Verbindlichkeit und Hingabe erfordert. In ihr leuchtet das höchste Glück auf – und zugleich die tiefste Wahrheit: Der Mensch ist nicht für sich allein geschaffen, sondern für das Du und das Wir. Und wer die Schöpfung achtsam betrachtet, erkennt in ihr letztlich reine Liebe – sichtbar für alle, die sich darauf einlassen und eine spirituelle Beziehung zum Universum leben.

Mit der Liebe ist Gemeinschaft verbunden – im anderen das Ich entdecken.

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