Liebe – unsere Kraftquelle
„Liebe und Mitgefühl sind Notwendigkeiten, keine Luxusgüter. Ohne sie kann die Menschheit nicht überleben.“ – Dalai Lama
Kaum ein Begriff ist so reich, so geheimnisvoll und zugleich so missverständlich wie die Liebe. Sie kann Sehnsucht sein und Erfüllung, Geborgenheit und Herausforderung, Glück und manchmal auch Schmerz.
Inhalt
Liebe – was ist das?
Mit Liebe ist Gemeinschaft untrennbar verbunden. Wir Menschen leben in Beziehung – zu anderen Menschen, zur Natur, und sogar zum gesamten Universum. Deshalb reicht Liebe weit über die romantische Partnerschaft hinaus. Doch bevor ich mich diesen größeren Zusammenhängen zuwende, möchte ich bei der menschlichen Liebe bleiben.
Und ehrlich gesagt: Ich weiß nicht so recht, was Liebe eigentlich ist. Ich kann sie nicht definieren. Ich könnte sie umschreiben, poetische Bilder finden oder kluge Gedanken zitieren. Aber sobald ich glaube, sie verstanden zu haben, entzieht sie sich wieder.
Verliebtheit kann ich leichter beschreiben. Da ist Aufregung, Anziehung, Vorfreude. Die Gedanken kreisen um einen Menschen. Jede Begegnung bekommt ein besonderes Gewicht. Das kenne ich aus meinen ersten Beziehungen. Es war schön, aufregend und manchmal auch abenteuerlich.
Und doch habe ich diese Beziehungen schnell wieder beendet, obwohl eigentlich nichts dagegen sprach. Damals verstand ich mich selbst nicht. Vielleicht wurde mir die Nähe zu eng. Vielleicht hatte ich Angst. Vielleicht fehlte etwas, das ich nicht benennen konnte. War das Liebe? Oder war es nur Verliebtheit? Bis heute beschäftigt mich die Frage, worin der Unterschied besteht.
Ein Geheimnis
Wenn zwei Menschen sich begegnen, entsteht manchmal sofort eine besondere Resonanz. Ich habe das erlebt und kann es bis heute nicht erklären. Ist es das Aussehen? Die Stimme? Die Art zu sprechen? Gemeinsame Interessen? Ähnliche Werte? Vermutlich spielt all das eine Rolle. Und doch bleibt etwas, das sich nicht messen lässt.
Partnerschaftsvermittlungen vergleichen Eigenschaften, Interessen und Persönlichkeitsprofile. Wissenschaftler untersuchen Anziehung, Hormone und Bindungsmuster. Das alles ist spannend, aber erklärt es die Liebe? Am Ende sitzen sich zwei Menschen gegenüber – und entweder entsteht etwas zwischen ihnen oder nicht. Warum das so ist, bleibt ein Geheimnis.
Ich weiß auch nicht, ob es Liebe auf den ersten Blick gibt. Verliebtheit auf den ersten Blick – ja, das kann ich mir vorstellen. Liebe dagegen scheint mir eher etwas zu sein, das wachsen will. Langsam entsteht Vertrauen. Man öffnet sich. Man lernt die Stärken und Schwächen des anderen kennen. Aus einem „Du“ wird nach und nach ein „Wir“. Vielleicht beginnt Liebe genau dort, wo die anfängliche Begeisterung nachlässt und trotzdem etwas bleibt, das beide Menschen miteinander verbindet. Doch auch dann bleiben Fragen.
Warum wächst Liebe in manchen Beziehungen über Jahrzehnte und verschwindet in anderen wieder? Warum gehen Menschen auseinander, obwohl sie sich einst von Herzen liebten? Kann Liebe verloren gehen? Verwandelt sie sich nur? Oder verändern wir uns, verlieren unbemerkt die Achtung voreinander?
Ich kenne keine endgültigen Antworten. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir die Liebe wie ein Wunder. Und vielleicht liegt gerade darin ihr Wesen. Alles, was wir Wunder nennen, entzieht sich einer vollständigen Erklärung. Wir können es annähernd beschreiben, erleben und darüber staunen – aber wir können es nicht besitzen. Für mich gehört die Liebe zum größten dieser Wunder. Sie ist größer als meine Gedanken über sie.
Und vielleicht ist sie deshalb eine der deutlichsten Spuren des Göttlichen in unserem Leben.
Gott ist die Liebe?
Nach meinen Erfahrungen mit menschlicher Liebe stellte sich irgendwann eine weitere Frage: Was meinen Menschen, wenn sie sagen: „Gott liebt dich“?
Im christlichen Glauben begegnet uns Gott als ein persönliches Gegenüber – als ein lebendiger, allmächtiger Gott, der uns kennt, begleitet und liebt. Als Kind fand ich darin Trost und wollte Gott gefallen. Als Erwachsener verlor ich diesen Zugang mit der Zeit. Schon lange kann ich Gott nicht mehr als eine Art übernatürliche Person sehen, die irgendwo sitzt und bewusst über mein Leben wacht. Deshalb fragte ich mich, wie ich von Gottes Liebe sprechen kann, wenn ich Gott gar nicht als Person begreife. Eine Antwort fand ich nicht durch Nachdenken, sondern eher durch Erfahrung.
Es gibt Momente, in denen ich mich angenommen fühle, ohne genau sagen zu können, warum. Augenblicke in der Natur oder in der Stille. Dann entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit. Als hätte ich meinen Platz in diesem Universum. Beginnt dort die Gottesliebe? Nicht als Gefühl eines göttlichen Wesens, das mir Zuneigung schenkt, sondern als Erfahrung eines umfassenden Seins, das mich trägt und einschließt?
Wenn ich einen Bergwald durchstreife, die Ordnung einer Blüte betrachte oder einfach still werde, spüre ich etwas von dieser Gegenwart. Sie spricht nicht in Worten. Sie erklärt nichts. Und doch hinterlässt sie den Eindruck: Du bist gemeint. Du gehörst dazu. Du musst nichts werden.
Manche Mystiker beschreiben ähnliche Erfahrungen. Sie sprechen von einem Aufgehobensein, von einer liebenden Gegenwart, die sich nicht denken, sondern nur erfahren lässt. Vielleicht konnte ich Gottesliebe deshalb nie wirklich verstehen. Je stiller ich werde, desto näher scheint sie zu kommen.
Die Liebe dieser Welt
Wenn diese Liebe tatsächlich der Grund unseres Seins ist, stellt sich mir allerdings eine weitere Frage: Warum spüre ich sie im Alltag so selten? Nicht nur in der Welt da draußen, sondern auch in mir selbst. Was verdeckt sie? Was trennt mich von ihr?
Manchmal scheint es, als wäre die Liebe aus unserer Welt verschwunden. Ich sehe Kriege, Gewalt, Ausgrenzung und Hass. Und auch in meinem eigenen Leben finde ich nicht immer jene Verbundenheit, nach der ich mich sehne.
Ich kenne zumindest einen dieser Schleier sehr gut: mein Ego. Immer dann, wenn sich alles um meine Wünsche, meine Ängste, meine Vorstellungen dreht, verliere ich den Blick für das Verbindende. Statt Gemeinschaft entsteht Trennung. Aus der Frage „wie kann ich dienen“ wird „was habe ich davon?“ Und genau in diesem Moment entfernt sich mein Herz von der Liebe.
Auch alte Verletzungen spielen eine Rolle. Viele Menschen tragen Wunden in sich – ich ebenso. Um mich vor neuem Schmerz zu schützen, errichte ich manchmal unsichtbare Mauern. Das gibt Sicherheit. Doch dieselben Mauern halten nicht nur Verletzungen fern, sondern auch Nähe und Liebe. Denn lieben heißt immer auch, verletzlich zu bleiben.
Ähnlich sehe ich unser Verhältnis zur Natur. Wenn ich die Welt nur als Ressource betrachte, die mir nützt, verliere ich die Ehrfurcht vor dem Leben. Wo Ehrfurcht schwindet, verschwinden auch Dankbarkeit, Mitgefühl und Verbundenheit. Und damit entferne ich mich erneut von der Liebe – und etwas weiter gedacht, auch von mir selbst.
Die Liebe ist nicht verschwunden. Sie wird nur überdeckt – von Angst, Lärm, Gedankenlosigkeit und Selbstbezogenheit. Doch manchmal genügt schon ein Augenblick der Stille. Ein Spaziergang im Wald. Ein offenes Gespräch. Ein Moment echten Staunens. Dann spüre ich wieder, dass die Quelle noch da ist. Still. Unerschöpflich. Wartend. Und vielleicht wohnt sie näher, als ich glaube.
Im anderen das Ich entdecken: Liebe – leben im Wir
Mit der Liebe ist Gemeinschaft mit allen Wesen und dem gesamten Kosmos verbunden – darum geht es in diesem Kapitel.








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