Selbstliebe
„Liebe dich selbst zuerst, und alles andere fügt sich.“ – Lucille Ball
Selbstliebe hat für mich nichts mit Selbstverliebtheit zu tun. Sie ist kein Spiegel, vor dem ich mich bewundere, sondern eine Haltung, die tief im Inneren entsteht. Es ist eine Versöhnung mit mir selbst und mit meiner Geschichte.
Inhalt
Versöhnung mit mir selbst
Wenn ich ehrlich bin, finde ich auch heute noch genügend Dinge an mir, die ich gern anders hätte. Ich wäre manchmal gerne gelassener, vertrauensvoller, liebevoller oder weniger kritisch. An Stoff für Selbstoptimierung mangelt es nicht. Der Unterschied zu früher ist nur: Ich muss mich deshalb nicht mehr verurteilen oder ablehnen.
Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen. Oder besser gesagt: Ich kenne die Stellen, an denen ich noch wachsen möchte. Aber so wie die lichten Seiten gehören auch die unvollkommenen zu meinem Wesen. Das klingt heute einleuchtend. Aber für mich war es ein langer Weg.
Schon als Kind lernte ich, meinen Wert im Außen zu suchen. In Blicken, Worten und Erwartungen anderer Menschen. Lob fühlte sich gut an, Kritik traf mich tief. Mein Selbstwert hing davon ab, ob ich Anerkennung bekam. Doch dieses Glück war flüchtig. Es hielt nur so lange, wie die Bestätigung anhielt.
Irgendwann begann ich mich zu fragen: Kann ich andere wirklich lieben, wenn ich mit mir selbst im Streit lebe? Kann ich Nähe schenken, wenn ich mich selbst nicht annehmen kann? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir Selbstliebe wie ein Türöffner. Fehlt sie, dann bleiben viele Dinge unvollständig. Erfolg fühlt sich hohl an. Anerkennung macht abhängig. Selbst Liebe wird leicht zu einer Bitte: Bitte bestätige mich. Bitte zeige mir, dass ich liebenswert bin.
Der lange Weg nach innen
Der Weg dorthin war für mich alles andere als einfach. Im Elternhaus erlebte ich wenig Liebe. Vieles drehte sich um Fehler, um das, was nicht gelungen war. Lob war selten. Also suchte ich einen Hauch von Wärme bei Nachbarn und Verwandten. Als Erwachsener dann Anerkennung im Beruf.
Was sich in der Kindheit einprägt, verschwindet nicht einfach. Deshalb hatte ich oft Schwierigkeiten mit den ausgetretenen Ratschlägen, die man so oft hört. „Lass die Vergangenheit los.“ „Fang neu an.“ „Liebe dich selbst.“ Natürlich steckt Wahrheit darin. Als Erwachsener bin ich verantwortlich für mein Denken und Handeln. Aber manche Überzeugungen sitzen so tief, dass sie sich nicht durch einen guten Vorsatz auflösen. Für mich brauchte es weit mehr.
Mein größtes Glück war ausgerechnet ein Zusammenbruch. Damals hätte ich das niemals so formuliert. Es fühlte sich nicht wie Glück an. Eher wie das Ende vieler Gewissheiten. Ein Ende ohne einen Weg, ein neues Ziel oder etwas Licht zu sehen. Doch genau dieser Absturz eröffnete die Möglichkeit zur Veränderung. Dazu kamen gute Therapeutinnen und Therapeuten, hilfreiche Begegnungen und die Kraft, immer wieder aufzustehen. Natürlich verschlang ich damals auch stapelweise Lebensratgeber. Aber das Wissen allein half mir wenig.
Ich erinnere mich an Übungen vor dem Spiegel. An Zettel mit Sätzen wie: „Du bist wertvoll.“ An Gruppentherapien, in denen andere Menschen mir sagten, was sie an mir schätzten. Nichts davon erreichte mich wirklich. Im Gegenteil. Manches war kaum auszuhalten. Es ist paradox: Ich lechzte nach Lob und Anerkennung, und wenn ich es bekam, konnte ich nicht damit umgehen.
Bis heute kann ich nicht genau sagen, was mir den Wandel ermöglicht hat. Vielleicht war es von allem etwas. Vielleicht war es Glück. Oder war es Gnade?
Frieden schließen
Heute glaube ich, dass Selbstliebe dort beginnt, wo der Kampf gegen mich selbst nachlässt. Nicht dort, wo ich perfekt werde. Nicht dort, wo alle Zweifel verschwinden. Sondern dort, wo ich bereit bin, ehrlich hinzusehen. Wenn ich Traurigkeit wahrnehme, ohne sie sofort wegzudrücken. Wenn ich Fehler machen darf, ohne mich dafür zu verurteilen. Wenn ich mir dieselbe Freundlichkeit schenke, die ich anderen Menschen oft ganz natürlich entgegenbringe.
Dieser Wandel geschah bei mir nicht plötzlich. Er entwickelte sich langsam. Mit jeder Erkenntnis wurde es etwas leichter, auf meine Bedürfnisse zu achten, Grenzen zu setzen und Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Und trotzdem bin ich noch lange nicht am Ziel. Vielleicht werde ich es nie sein?
Die Freiheit, unvollkommen zu sein
Gleichzeitig sehe ich in der Selbstliebe auch eine Spannung: Wer vollkommen zufrieden mit sich ist, sieht scheinbar keinen Anlass zur Veränderung. Doch das Gegenteil ist ebenso wahr. Solange ich mit mir selbst im Widerstand lebe, drehe ich mich im Hamsterrad – im Haschen nach Komplimenten, im Mich-Beweisen, im ständigen Vergleichen. So finde ich keine Ruhe und keine echte Entwicklung. Selbstliebe beendet diesen Kreislauf nicht vollständig, aber sie nimmt ihm die Macht. Sie erlaubt mir, meine Schwächen zu sehen, ohne daran zu verzweifeln. Sie erlaubt mir, mich weiterzuentwickeln.
Wer sich selbst ablehnt, erlebt auch das Glück als etwas Fernes, als ein Privileg der anderen. Wer sich jedoch liebevoll annimmt, kann dem Leben – und damit auch dem Glück – offen begegnen. Selbstliebe ist eine Versöhnung mit mir und der Welt. Das bedeutet für mich auch, die Masken abzulegen und dem eigenen Wesen zu begegnen: roh, ungeschützt, wahr – und sich auch mutig so zu zeigen.
Vielleicht ist das die größte Freiheit, die Selbstliebe schenkt: Ich darf unvollkommen sein und muss vor anderen nichts verstecken. Denn Selbstliebe bedeutet für mich, Frieden mit dem Menschen zu schließen, der ich heute bin, während ich gleichzeitig offen bleibe für den Menschen, der ich noch werden kann.








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